München ist Bayerns Hauptstadt. Dieser Satz scheint nahezu naturgesetzlich— dabei wurde München erst 1503, am Anfang der Neuzeit, zum unbestrittenen politischen Zentrum des Herzogtums Baiern. Welche Städte nahmen diese Rolle davor ein? Und seit wann gibt es eigentlich so etwas—eine „Hauptstadt“? Und eine „Stadt“? Eine Überblick über die altbayerische Hauptstadts- und Städtegeschichte.
Als das Stammesherzogtum Baiern Mitte des 6. Jahrhunderts in die Geschichte eintrat, residierten die
Agilolfinger-Herzöge in Regensburg, in den Mauern des antiken römischen
Legionslagers. Regensburg lag im äußersten Norden ihres Herrschaftsgebietes,
aber auch verkehrsgünstig an der Donau. Hatten die Agilolfinger ihre Hauptstadt
gut gewählt?
Das stadtarme Frühmittelalter
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Iuvavum (Salzburg) in der Antike |
Einen ersten, bescheidenen Anfang der Urbanisierung brachte die
Einrichtung weiterer Bistümer im frühen 8. Jahrhundert. Neben
Salzburg—das zum Erzbistum erhoben wurde—und der Herzogsresidenz Regensburg wurden
auch Passau und Freising Bischofssitze (ferner Eichstätt, das aber keine Gründung
der Agilolfinger ist). Die Bistümer und—oft ebenfalls vom Herzog gestiftete—Klöster
sollten das Land urbar machen, besiedeln und die Bevölkerung christianisieren. An den Bischofssitzen richteten die Baiernherzöge Pfalzen ein: Orte, an denen sie
temporär wohnten, wenn sie das Land bereisten. Die zivilen Siedlungen, welche
sich um die Bischofssitze bildeten, zählten meist nicht mehr als ein paar
tausend Bewohner, vielleicht auch nur ein paar hundert. Für die nächsten 400 Jahre
sollten sie die einzigen Städte in Baiern bleiben.[2]
Regensburg: Baierns erste Metropole
Eine Stadt ragt unter den frühen bairischen Siedlungen heraus: Regensburg. Nicht nur war Regensburg der Hauptsitz der Baiernherzöge, ihr herzoglicher ‚Vorort‘.[3] Aufwertung erfuhr es ausgerechnet durch Karl der Großen, nachdem jener 788 den Baiernherzog Tassilo III. entmachtet und Baiern fränkischer Kontrolle unterstellt hatte. Karl verbrachte 791-93 Karl zwei Winter in Regensburg, um Baierns Eingliederung zu überwachen. Sein Beispiel machte Schule: spätere Karolinger-Herrscher ließen sich oft für längere Zeitabschnitte in Regensburg wieder, es wurde zur Kaiser- und Königspfalz.
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Steinerne Brücke und Dom, Regensburg |
Mit wachsendem Wohlstand entstand erstmals mal in Baiern ein Stadtbürgertum. Regensburger Patrizier bauten ab dem 12. Jahrhundert „Geschlechtertürme“, die italienischen Vorbildern folgten: vielstöckige Wohnhäuser, die bis zu 40 Meter hoch sein konnten. Sie prägen bis heute das Stadtbild. Regensburgs Händler und Kaufleute waren es auch, die 1135-46 den Bau der „Steinerne Brücke“ über die Donau finanzierten, eines für seine Zeit einmaliges Bauwerks.
Teuer bezahlte Unabhägigkeit
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Freie Reichsstadt Regensburg (Sonderbriefmarke) |
Ende des 15. Jahrhunderts erhoben sich Regensburgs Handwerker
und forderten die Rückkehr ins Herzogtum. Fast hätten sie ihren Willen
bekommen, aber Kaiser Friedrich III.—ein österreichischer Habsburger—gönnte Baiern
den Machtzuwachs nicht und bestand auf Reichsunmittelbarkeit. So blieb Regensburg
auf sich allein gestellt und verharrte in Stagnation.
Rivalen an der Isar: München und Landshut
Die nächste Phase der Hauptstadtsuche ist eng mit jener Familie verbunden, die Bayerns Geschichte mehr als 700 Jahre lang prägen sollte: den Wittelsbachern. Im Jahr 1180 setzte Kaiser Friedrich Barbarossa den rebellischen Welfenherzog Heinrich den Löwen ab und übertrug das Amt auf seinen Gefolgsmann, Graf Otto von Wittelsbach. Otto bezog den Herzogshof in Regensburg. Der Drang der Regensburger nach Eigenständigkeit zwang die Wittelsbacher aber bald, sich nach Alternativen umzusehen. Zunächst bevorzugten sie Kelheim, das zum wittelsbacher Hausbesitz zählte und nur wenige Kilometer donauaufwärts lag—bis 1231 ein unbekannter Attentäter dort Ottos Sohn und Nachfolger ermordete. Ohne diesen Mord wäre Kelheim heute möglicherweise Bayerns Hauptstadt.
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Alter Hof, München |
München und Landshut waren junge Städte, die erst während der
hochmittelalterlichen Stadtgründungsphase des 12. und 13. Jahrhunderts
entstanden waren. München verdankte seine Gründung dem schon erwähnten Heinrich
dem Löwen. Heinrich ließ 1158 die föhringer Isarbrücke niederbrennen, die auf dem
Gebiet des Bistums Freising lag, und erbaute eine neue Brücke einige Kilometer
weiter südlich—an der Stelle der heutigen Ludwigsbrücke. Damit sicherte er sich Zolleinnahmen, welche zuvor Freisings Bischof abgeschöpft hatte.
Landshut ist eine Wittelsbacher-Gründung aus dem Jahr 1204 und entstand aus einem
ähnlichen Zwist um eine Isarbrücke, diesmal mit dem Bischof von Regensburg.
Das Spätmittelalter: Baiern verzwergt—und verstädtert
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Viermal Baiern |
München und Landshut blieben jedoch die Hauptresidenzen der Wittelsbacher, und Haupt-Rivalen um die Vorherrschaft in
Baiern. Beide Städte wuchsen rasch, auch wenn
sie Regensburgs einstige Pracht nicht erreichen sollten. Am Ende des Spätmittelalters
zählte München vielleicht etwas mehr als 10.000 Einwohner, Landshut etwas
weniger. Die benachbarten Bürgerstädte Nürnberg und Augsburg waren um ein Vielfaches
größer (Tabelle).
München setzt sich durch
Entschieden wurde der Wettstreit durch die Biologie. 1503 verstarb der
Landshuter Herzog Georg der Reiche, ohne einen Sohn gezeugt zu haben.[8] Ein
wittelsbacher Hausvertrag von 1329 sah vor, dass Georgs Besitz den ‚überlebenden‘
Linien zufallen sollte, hier: dem Münchner Herzog Albrecht. Georg hatte kurz vor
seinem Tod noch versucht, den Vertrag zu umschiffen, indem er seinen Schwiegersohn
als Erben einsetzte. Als dies durchsickerte, brach Albrecht den Landshuter
Erbfolgekrieg vom Zaun, den er mit Hilfe des Habsburger-Königs (und späteren
Kaisers) Maximilian auch gewann.
Die Zeit der Teilungen war vorbei. München hatte sich durchgesetzt und
sollte von da an alleinige Hauptstadt bleiben: 1506 erließ Albrecht das sogenannte
Primogeniturgesetz, das künftige Landesteilungen verbat.[9]
Landshut sank zu einer Provinzstadt herab—wenn auch zu einer besonders schönen.
Folgen der Teilung
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Maximilian I., Baiern-Verkleinerer |
Kulturell jedoch war die Teilungsperiode ein Gewinn. Sie brachten mehrere
Residenzstädte hervor, die urbanes Leben in alle Ecken Altbayerns trugen. Bis
heute bestimmen die Wittelsbacher-Residenzen, zusammen mit den frühmittelalterlichen
Bischofssitzen der Agilolfinger, Altbayerns Städtelandschaft. Die urbane Dichte
Frankens oder Schwabens konnte Altbayern damit nicht erreichen, aber ohne die Landesteilungen
gäbe es heute möglicherweise nur Regensburg, Passau, Freising, Landshut oder
München, und sonst—nicht viel.
Münchens Aufstieg zur Metropole: erst zäh, dann rapide
In der frühen Neuzeit wuchs München stetig, wenn auch nicht sonderlich schnell.[10] Noch zu Zeiten des Teilherzogtums waren das alte Rathaus und die Frauenkirche entstanden. Im 16. Jahrhundert kamen (u.a.) die Residenz und die Renaissancekirche St. Michael dazu, im 17. Jahrhundert die barocke Theatinerkirche und Schloss Nymphenburg, im 18. Jahrhundert die Asamkirche und der Englische Garten. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts jedoch schloss München mit rund 30.000 Einwohnern zu Augsburg und Nürnberg auf—obwohl jene Städte ihre große Zeit als Handelszentren da schon hinter sich hatten. Wien oder Berlin hatten längst über 100.000 Einwohner (Tabelle).
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Klassizistisches München, 1842 |
Armut macht schön
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Landshuter Altstadt |
[1] Lorch liegt am Zusammenfluss von Enns und Donau im
heutigen Oberösterreich. Im Jahr 700 wurde es tatsächlich von
den Awaren zerstört.
[2] Von den Beschofssitzen war nur Freising eine wirkliche Neugründung. Passau, Regensburg und Salzburg haben alle römische Wurzeln.
[3] Die Existenz eines eindeutigen Vororts wie
in Baiern ist im Frühmittelalter keineswegs
selbstverständlich: Herrscher zogen oft
von Pfalz zu Pfalz ohne festen Bezugspunkt.
[4] Die ursprüngliche Quelle ist wohl Josiah Cox Russell (1972), „Medieval
Regions and their Cities”. Russell meldete selbst Zweifel an dieser Zahl an („Basle and Regensburg are two cities whose populations
are not easy to define in the pre-plague period“), und spätere Schätzungen
korrigierten die Zahl meist deutlich nach unten. Russell’s Zahl hat sich jedoch
verselbständigt und wird meist als Fakt ohne Quellenangabe oder Kontext
wiedergegeben.
[5] Die
Teilung war an sich rechtswidrig, denn herzogliche Lehen durften nicht aufgesplittet
werden. Sie geschah im kaiserlosen „Interregnum“ des 12. Jahrhunderts, als die
Zentralmacht zu schwach war, um das
Recht durchzusetzen.
[6] Die mittelalterlichen
Teilherzogtümer sind nur lose
mit den heutigen Regierungsbezirken Ober- und Niederbayern verbunden. Letzteres
sind historisierende Begriffe, die König Ludwig
I. 1837 dem Isar- bzw. Unterdonaukreis gab, die sein Vater Maximilian und Graf
Montgelas erst 1817 geschaffen hatten. Niederbaiern z.B. war deutlich größer
als Niederbayern, es umfasste u.a. das Chiemgau, das Berchtesgadener Land, die
Gegend um Mühldorf und Altötting, und das (heute österreichische) Innviertel.
[7] “Gründung“ bedeutet nicht notwendig, dass dort vorher gar nichts existierte.
In München z.B. gab es bereits eine (namensgebende) Mönchssiedlung, in Burghausen
eine (ebenfalls namensgebende) Burg und einen Markt, und Straubings Besiedlungsgeschichte
reicht zurück bis in die Römerzeit.
[8] Alle Landshuter Herzöge des 15. Jahrhunderts trugen den Namenszusatz „der Reiche“,
u.a. weil die ertragreichen Salzbergwerke von Reichenhall zu Niederbaiern gehörten.
Georgs spektakuläre „Landshuter Hochzeit“ mit einer polnischen Königstochter im
Jahr 1475 wird heute alle vier Jahre im Rahmen eines Volksfestes nachgespielt.
[9] Eine Ausnahme gab es dann
doch noch: Albrechts Söhne, Wilhelm und Ludwig,
einigten sich 1514 nochmals auf die Teilung des Landes—allerdings unter
Bedingung, dass der jüngere Ludwig nicht heiraten und so keine erbfähigen
Kinder zeugen würde. Von 1537 bis 1543 ließ Ludwig die Landshuter Stadtresidenz
erbauen, den ersten Renaissancepalast Deutschlands.
[10] Auch wurde das Wachstum wiederholt von Epidemieausbrüchen und anderen Katastrophen unterbrochen. Baierns politische Geschichte der frühen Neuzeit ist zu komplex, um sie innerhalb dieses Artikels zu darzustellen. Sehr grob verkürzt war das wiedervereinigte Baiern zunächst ein relativ unbedeutender Mittelstaat, der zudem in kostspielige Auseinandersetzungen um Reformation und Gegenreformation hineingezogen wurde. Zwei fähige und langlebige Herzöge—Maximilian I. (1597-1651) und sein Sohn Ferdinand Maria (1651-79)—konsoliderten dann den Staatshaushalt, gaben Baiern eine moderne, früh-absolutistische Verwaltung, und lenkten das Land geschickt durch den 30-jährigen Krieg. U.a. kam die Oberpfalz 1623 größtenteils zurück zu Baiern, und der Herzog erlangte die „Kurwürde“: er war einer von sieben (später 8 bzw. 9) Fürsten, die den deutschen König wählten. Die nachfolgenden Kurfürsten versuchten, die Führungsrolle der Habsburger in Deutschland anzugreifen—und scheiterten, was Baiern im frühen 18. Jahrhundert mehrfach an der Rand seiner Existenz brachte. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war dann erneut eine Phase der Konsolidierung, bevor die napoleonischen Kriege das moderne Bayern hervorbrachten.
Bildnachweise: wikimedia commons, bis auf "Einwohnerentwicklung ausgewählter Städte (eigene Arbeit)